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Radiobeitrag Deutschlandfunk


Windradbesteigung Oberpfalz
Radiobeitrag Deutschlandfunk, "Deutschland Heute" von Michael Watzke, Sommer 2011
Dauer: 4:43



Presseartikel "Die Zeit"


Ssssit. Ssssit. Ssssit.
Presseartikel "Die Zeit" vom 27.7.2011 von Wolf Alexander Hanisch
Quelle: http://www.zeit.de/2011/29/Bayern-Windrad


In Bayern können Touristen nun auf Windräder steigen. Aber möchte man das?

Ist das jetzt Patriotismus? Es fühlt sich so an. Zum trompetenhellen Blitzen einer Haydn-Sinfonie fahre ich durch die bayerische Oberpfalz, und hinter jeder Kurve möchte ich lauter jubeln. Über die Hügel im prangenden Grün, die Wälder, das Fachwerk. Doch irgendwann beginnen Windräder die Höhenzüge zu beherrschen. Und ich merke, dass Heimatgefühle und die Minarette der Energiewende nicht zusammenpassen.
windradbesteigung neumarkt
Dabei ist das erst der Anfang. Bayern hat angekündigt, seinen Windstromanteil zu verzehnfachen – mit mahlendem Gestänge, das den Regensburger Dom locker überragt. Klar, Kernkraft ist indiskutabel. Aber kann mir Haydn noch die Brust weiten in einem Land, das aussieht wie ein Nadelkissen?

Vielleicht ist es ja mit den Windrädern wie mit vielen anderen Dingen: Erst aus der Nähe lernt man, sie zu schätzen. Darum geht es heute auf einem Feld in der Oberpfalz. Ich will dort ein Windrad besteigen. Im Innern seines Halses bis zum Rotor klettern und mich mit ihm versöhnen. Möglich machen das die Sport-Piraten, ein Münchner Veranstalter, der seit Kurzem im Landkreis Neumarkt Windradbesteigungen für Touristen anbietet. Ich bin einer ihrer ersten Kunden.

In gleißend weißer Lackhaut ragt der Koloss aus einer Waldlichtung. Auch wenn die neueste Windradgeneration doppelt so hoch ist, wirken seine 87 Meter monströs genug. Einer der Sport-Piraten ist schon da. David, ein drahtiger Bursche mit Weltenbummlerbart. Er zwängt mich in einen Hosengurt und betont, dass es hier um mehr gehe als nur um den Kick.

Was er damit meint, wird schnell offenbar: Seine Agentur baut dem Windkraftgewerbe eine Bühne. Die Hauptrolle bei jeder Kletterpartie spielt ein Abgesandter der Betreiberfirma, der die Segnungen seiner Branche erklärt. Heute ist es sogar der Chef persönlich: Ludwig Fürst. Altmodische Brille, zerzauste Frisur – der 62-Jährige wirkt wie der Inbegriff des Homo faber. Angespannt blickt er in den Himmel. Der hat mittlerweile sein gemütliches Weiß-Blau abgelegt und wird von düsteren Wolkenfetzen durchwirbelt.

Als wir den Turm betreten, bricht das Gewitter los. Sofort heult es durch die Röhre, als seien Dämonen in sie gefahren. Eine Digitalanzeige rast zu immer neuen Ziffern. »Volllast! Mehr geht nicht!«, ruft Herr Fürst, als sie bei 600 Kilowatt angekommen ist. »Der Rotor dreht sich jetzt 300 Stundenkilometer schnell!« Der Herr über knapp zwei Dutzend Windräder strahlt. Ich aber habe nur Augen für die Sprossen, die über mir im dämmerigen Nadelöhr verschwinden. Der Turm hat unten einen Durchmesser von mehr als vier Metern. Oben sind es gerade eineinhalb.

Plötzlich reißt der Wind ab. Im Handumdrehen sinkt die Anzeige auf null. Es herrscht jetzt eine Stille, als habe jemand einen Stecker gezogen. »Kann losgehen«, sagt einer der beiden Industriekletterer, die dazugekommen sind. Sie wurden bestellt, weil es Vorschrift ist. Und um im Notfall zu bergen. Ludwig Fürst scheint nicht viel davon zu halten. »Sie haben doch keine Herzprobleme?«, vergewissert er sich. »Bei einem Infarkt da oben bekommen wir Sie nie rechtzeitig ins Krankenhaus.« Ist das Oberpfälzer Humor? Nein. Herr Fürst meint es ernst.

Ich klinke meinen Gurt in die Sicherungsschiene ein und tapse los. Die Füße suchen nach dem richtigen Rhythmus, die Hände packen so fest zu, als wollten sie jede Sprosse erwürgen. Mehr als 200 von ihnen führen senkrechte 65 Meter nach oben. Mein erster Blick in die Tiefe bleibt auch der letzte. Das lasse ich lieber.

windrad-besteigung mit den sport-piraten Als ich mich bis zur Mitte emporgearbeitet habe, kommt das nächste Unwetter. Der Turm schwankt, der Generator jault, Regen prügelt auf die Röhre ein. Fünf Minuten später ist das Gewitter fort. Und mit ihm meine Beklommenheit. Wie eine Eidechse steige ich weiter. Dann blendet Licht meine Augen. Wir sind da.

Als ich auf die Plattform unter der Nabe trete, staune ich. So hoch sind wir geklettert? Die Felder tragen Mandalas aus Traktorenspuren, unter uns gleiten Störche vorbei. Wie gigantische Beile zerhacken die Rotorblätter die Luft. Ssssit. Ssssit. Ssssit. David betrachtet die Flügel beinahe zärtlich. Er will von der Energiewende profitieren und überall in Deutschland solche Besteigungen durchführen. Anfragen bei Betreibern gebe es genug.

Plötzlich bricht die Sonne durch die Wolkendecke und schüttet Licht aus mehreren Löchern. An den Durchbruchstellen gleißen die Ränder wie vergoldet. Als Kind glaubte ich, hinter diesem Glanz wohne Gott. Jetzt fällt mir auf, dass ich gegen diese Vorstellung bis heute machtlos bin.

Da zwängt sich auch Herr Fürst aus der Röhre und erklärt mir, was Gott mit den Windrädern zu tun hat. Er zeigt auf weitere seiner Anlagen ringsum. Jede hat er nach dem Kirchenheiligen des nächstgelegenen Dorfs benannt. Unser Windrad heißt Jacobus. »Vor zehn Jahren war hier noch jeder gegen die Windkraft«, sagt Fürst und kneift die Augen zusammen. »Nur die Pfarrer nicht. Die haben gepredigt, dass die Windenergie gottgewollt ist, weil sie die Schöpfung bewahrt.« Und das hat überzeugt? Herr Fürst lächelt unergründlich. Dann schwärmt er von den Renditen der Beteiligungsfonds, die immer mehr Menschen ins Windgeschäft einsteigen lassen.

Beim Abstieg lehne ich mich in den Gurt und hüpfe fast übermütig über die Sprossen. Kurz darauf fahre ich mit dem Auto vom Feld. Jacobus verfolgt mich lange im Rückspiegel. Er kommt mir jetzt vertraut vor. Wie ein patenter Bursche, auf den man sich auch im Sturm verlassen kann. Aber ins Herz habe ich ihn nicht geschlossen. Die Angst, dass das ganze Land zum Ausdruck jener Technikerseele wird, die Männer wie Ludwig Fürst befeuert, wird da oben nicht kleiner. Sie wächst.